Traude, 53 Jahre

«Diszipliniert ausruhen will gelernt sein. Für andere ist es Denksport.»

Mein Vorschlag für eine neue olympische Disziplin ist «spazieren liegen» - mein Lieblingssport. Ich nehme eine Decke mit, laufe 10 Minuten zu einem schönen Platz, lege mich hin und schlafe eine Stunde. Hinlegen und Ausruhen sind zu wichtigen Begleitern in meinem Leben geworden. Bevor alles anders wurde, stand ich voll im Leben. Voll im Berufsleben mit einem 100%-Pensum trifft es wohl besser.

«Das gehört da nicht hin.»

Als ich eines Tages beim Arzt auf dem MRI-Bild erkannte, dass der grosse Tumor da nicht hin, der Kopf auf dem Bild aber zu mir gehört, war klar, dass sich nun vieles ändern wird – für mich und für mein Umfeld. Wird das Gehirn durch Krankheit oder Unfall geschädigt, spricht man von Hirnverletzung. In meinem Fall ist der Auslöser ein Hirntumor. Nach einem operativen Eingriff und vielen Wochen und Monaten des Sich-Hinlegens und Ausruhens, der Rehabilitation und Genesung kehrte ich irgendwann mit einem sehr viel kleineren Pensum in die Arbeitswelt zurück. Vielen fällt es bis heute schwer zu verstehen, was ich eigentlich habe. Vor allem die unsichtbaren Einschränkungen behindern mich. Ich bin auf eine ganz andere Art leistungsfähig als früher, oft gereizt und quasi immer erschöpft und müde. Bei jeder und jedem Hirnverletzten sind die Folgen anders.

«Einfache Computerspielchen auf dem Handy haben wenig Reize, in Schwarz und Weiss, keine Musik, kein Gespräch – das sind die reizreduzierten Augenblicke, die mich kurz erholen lassen von der reizüberfluteten Welt.»

Reizüberflutung ist eine meiner grössten Herausforderungen. Überall gibt es Geräusche und Lärm, Gerüche und Gestank, Farben und grelles Licht, Hitze und Kälte, Geschwindigkeit und viele, viele Menschen mit tausend verschiedenen Emotionen. Für mich ist es aber ganz wichtig, nicht zu viele Reize abzubekommen, damit die Reizverarbeitung überhaupt nachkommen kann. Mir helfen einfache Computer- oder Handyspielchen. Ich nenne das für mich «diszipliniert ausruhen». Für viele Menschen sind Sudoku und Nonogramme anspruchsvoller Denksport und sie können es sich nicht vorstellen, dass das Spielen dieser Spiele mit wenig Anstrengung verbunden sein kann. Logisches Denken als Hirnverletzte, ist das möglich? Ich weiss für mich: Wenn man diese Spielchen ein paar Jahre macht, werden sie banal. Sie helfen mir auch bei einer weiteren Herausforderung: Erschöpfung und Müdigkeit führen dazu, dass ich mich immer wieder hinlege(n muss). Aber ich kann doch nicht immer nur liegen! Und nicht immer nur nichts tun! Mit den Spielchen komme ich seltener ins Grübeln und bin weniger oft verzweifelt darüber, dass ich so unglaublich viel Lebenszeit mit Hinlegen und Ausruhen verbringe.

«Gelassenheit und Annehmen sind für mich spannende Themen.»

Von all den vielen Reizen und der Erschöpfung bin ich selbst oft gereizt. Ich rege mich unglaublich schnell auf über … eigentlich alles. Mir fehlt die Geschmeidigkeit und Kreativität, um auf Konflikte angemessen zu reagieren. Dann laufe ich in so mancher Situation ins offene Messer. Ich fände es spannend, für einen Tag der Dalai Lama zu sein. Wie fühlt es sich wohl an, wenn man das andauernde Infragestellen der eigenen Person und die hohen Leistungsansprüche nicht zur Religion erhoben hat – so wie auch ich es von früher kenne? Wie lebt es sich, wenn Gelassenheit und Annehmen religiöse Wegweiser durchs Leben sind? Das Atmen allein schon Leben bedeutet?

Ich wünsche mir, dass das gängige Model verabschiedet wird, bei dem der erwachsene Mensch Vollzeit arbeitet und ansonsten so gut wie nichts anderes tut, bei dem es auf dem Lebens- und Berufsweg weder Einbrüche noch Störungen gibt. Der Blick sollte sich dafür öffnen, dass Krisen und Entwicklungsschritte im Leben dazu gehören, genauso wie Familien- und Pflegearbeit.

Wie schön wäre es, wenn wir einander nicht nur fragen würden: Was machst Du? Sondern auch: Wie hast Du diese Krise gemeistert?

«Im Leben geht es auf und ab. Das sind nicht alles Einschränkungen – das ist Realität.»

www.denkwerk-hirnverletzung.ch