Thomas, 28 Jahre

«Anschreien nützt nichts: Ich muss Deine Lippen sehen.»

Ich tanze leidenschaftlich gerne. Am liebsten Latein zu Salsa-Musik. Deshalb gehe ich auch gerne an Salsaparties. Bedingt durch die laute Musik sind Gespräche an Parties für Schwerhörige mit Anstrengung verbunden. Bei lauter Umgebung können wir nicht fokussiert hören und alles wird undeutlich. Wenn mir jemand etwas sagen möchte, kommt er mir meist ganz nahe ans Ohr. Oft zu nah und das wehre ich dann ab. Ich muss dem Gegenüber immer ins Gesicht schauen können, um von den Lippen zu lesen. Nahekommen hilft einfach nicht – und mich anschreien schon gar nicht.

«Bitte deutlich sprechen!»

Auf Hörhilfen bin ich angewiesen. Ich bin hochgradig schwerhörig und trage je ein Hörgerät und ein Cochlea-Implantat (CI). Gerade für den Arbeitsalltag sind die Hörhilfen unabdingbar und darf zum Beispiel keinesfalls vergessen, Ersatzbatterien bereit zu haben. Ununterbrochen alles zu verstehen und mitzubekommen braucht enorm viel Energie und macht mich müde.

Die Behinderung habe ich seit ich etwa ein Jahr alt bin. Damals hatte ich eine Magen-Darm-Grippe, die sich zunehmend verschlimmerte. Nach einer Operation habe ich Antibiotika bekommen. Vermutlich hat sich mein Hörvermögen als Nebenwirkung des Medikamentes massiv verschlechtert. Das habe ich zum Glück noch nicht realisiert, da ich noch ein Baby war.

Ich würde sagen, ich habe ein gutes Leben. Wenn mein Umfeld glücklich ist, bin ich es auch. Mit Freunden bin ich gerne unterwegs und mache vor allem Sport: Volleyball, Unihockey und im Winter Snowboarden – und eben das Tanzen: Das ist sehr sportlich, da komme ich immer ins Schwitzen.

Was ich mir wünsche? Persönlich würde ich mich freuen, mit einer tollen Frau eine Familie zu gründen – beruflich bin ich schon sehr zufrieden. Ich arbeite als Projektleiter Haustechnik. Bei der Berufswahl hatte ich wirklich Glück. Die Suche nach Ausbildungsplätzen für den Wunschberuf Sanitärinstallateur sowie für die Zusatzausbildung zum Haustechnikplaner Sanitär verlief problemlos. Dank erfolgreichen Schnupperlehren haben die Arbeitgeber erkannt, dass die Kommunikation gut funktionieren kann.

«Je weniger man hört, umso schwieriger ist es.»

Als Schwerhöriger hatte ich immer mal wieder das Gefühl, dass ich mehr leisten muss, um überhaupt dabei zu sein. Es gibt so viele Vorurteile gegenüber Menschen mit einer Hörbehinderung: Der hört nichts, also hat er nichts im Kopf. Meist liegt der Grund dafür aber im Umstand, dass das Gegenüber etwas nicht mitbekommen hat und nicht darin, dass die Person weniger intelligent ist.

Eigentlich sollte man gar nicht darüber reden müssen, aber es ist mir wirklich ein Anliegen: Schwerhörige und Gehörlose können genauso intelligent sein wie andere Menschen auch. Sie können zweifelsohne auch gut qualifizierte, sogar sehr gute Arbeitskräfte sein. Für die Herausforderungen, die die Kommunikation mit sich bringt, können Lösungen gefunden werden. Einige kompensieren die eingeschränkten Hörsinne auch mit guten visuellen Fähigkeiten.

Im gesellschaftlichen Zusammenhang ist Behinderung immer noch etwas Besonderes: Behinderung heisst „nicht normal“. Man muss die „nicht normalen“ Behinderten so zurückformen, damit sie wie Normale werden. Es scheint also nur die Aufgabe der Behinderten zu sein, sich anzupassen. Ich finde, die Annäherung muss von beiden Seiten her in die Tat umgesetzt werden. In der Schweiz gibt es für die Hörbeeinträchtigen bezüglich Barrierefreiheit wirklich noch viel zu tun.

«Wir können so vieles – nur eben weniger gut kommunizieren.»