Sina, 18 Jahre

«Ein Arm ist stärker als der andere. Keine Schwächen ohne Stärken.»

Jeder Mensch hat etwas, das er oder sie nicht besonders gut kann. Jeder hat eine Einschränkung auf seine oder ihre Weise. Bei mir ist es eben der linke Arm. Warum soll ich deshalb gleich alles weniger gut können als andere?

Sichtbar wird meine Behinderung, wenn ich meine Arme über den Kopf strecke. Meinen linken Arm kann ich nicht gleich gut in die Höhe strecken wie den rechten. Es ist eine Plexusparese, eine Lähmung des Arms, die bei der Geburt entstanden ist.

«Ich will meine Behinderung nicht verstecken.»

Damit zu leben, ist grundsätzlich nicht schlimm: Meine Behinderung gehört zu mir und ich bin glücklich genauso wie ich bin. Was mich herausfordert? Auf der einen Seite alles, was sehr schwer ist oder was sich oberhalb meines Kopfes befindet, z. B. in Regalen oder Schränken. Dann hole ich mir einen Stuhl und kann mir meist selbst helfen. Was mich auf der anderen Seite aber viel mehr fordert, sind Menschen, die sich gegen mich stellen und Vorurteile haben: Du kannst das nicht. – Das ist nichts für dich, weil du eine Behinderung hast. – Wir wollen dich nicht, weil du eine Behinderung hast.

Menschen mit Behinderung können genauso gut arbeiten wie jemand, der nichts hat. Es kommt immer auf die Arbeit, auf die Aufgabe, auf das Umfeld an. Menschen mit Behinderung brauchen vor allem eine Chance, sagen zu können: Ich kann das. – Ich mache das. – Ich will das.

Diese Chance zu kriegen, war für mich sehr schwierig. Das hat sich bei der Lehrstellensuche gezeigt. Aber ich habe sie nach einigen Anläufen bekommen. Ich konnte bei der Burgfelder-Apotheke in Basel schnuppern und zeigen, dass ich den Anforderungen gerecht werde und – mindestens ebenso wichtig – dass ich das will. Nun mache ich dort eine Ausbildung als Pharma-Assistentin.

«Meine Arbeit mag ich sehr gerne.»

Einen Ausbildungsplatz bekommen zu haben, macht mich immer noch glücklich. Ich wünsche mir, dass ich auch weiterhin im Leben Chancen erhalte von Menschen, die an mich glauben. Ich wünsche mir, dass ich gesund bin, eine tolle Familie und gute Freunde habe und dass alles gut läuft, auch mit einem interessanten Job. Ich bin oft oder eigentlich fast immer glücklich, weil ich sehr dankbar dafür bin, wenn ich mit meiner Familie zusammen sein kann. Und mit kleinen Kindern, die mag ich sehr.
Jeder Mensch hat etwas, das er oder sie besonders gut kann – Stärken und Schwächen. Ich will möglichst viele Arbeitgeber und Mitmenschen darauf aufmerksam machen, dass sie jemandem mit einem Handicap eine Chance geben. Ich werde zum Beispiel sehr oft für meine Freundlichkeit, mein Sozialverhalten und die überdurchschnittliche Teamfähigkeit gelobt – bestimmt mehr als so manch andere mit zwei starken Armen.

«Ich bin sehr dankbar für die Menschen, die an mich glauben.»