Samael, 35 Jahre

«Steh ich ruhig, sieht es keiner – mach ich Musik, hört es keiner.»

Behinderung ist in der Gesellschaft nach wie vor ein Tabu. Eigentlich betrifft es jeden Einzelnen. Jeder sollte sich darüber Gedanken machen, was Behinderung bedeutet – und nicht nur die, die direkt davon betroffen sind. Über sich selbst zu reflektieren, macht einem das eigentliche Tabu bewusst: Schwächen zu zeigen und zu offenbaren. Dies zu verändern, fängt bei jedem selbst an.

Von Geburt an lebe ich mit einer körperliche Behinderung, einer sogenannten Zerebralparese. Sie ist gekennzeichnet durch Störungen des Nervensystems und der Muskulatur. Mit meinen Stärken und meinen Schwächen mache ich eine ganz besondere Entdeckungsreise durchs Leben: Ich entdecke die Welt intensiver durch Reisen, erinnere mich an viele schöne und spezielle Momente in Nepal, Indien, New York, Kuba oder Puerto Rico. Vor allem entdecke ich durch meine Offenheit und Begeisterung Tag für Tag die Einzigartigkeit des Menschen: Ich arbeite als klassischer Masseur und Fussreflex-Therapeut, was mich mit grosser Freude erfüllt.

Mir ist bewusst, dass mir manch einer nicht zutraut, was ich kann. Denn meine Einschränkung kann man hören, wenn ich spreche. Man kann sie sehen, wenn ich laufe. Meine Behinderung behindert mich selbst mehr, wenn ich in der Zukunft lebe, über meine Arbeit und meine Ausbildung nachdenke. Deshalb bemühe ich mich, in der Gegenwart zu leben – so verringert sich mein Gefühl vom Behindertsein und vom Behindertwerden. Auch wenn viele nur auf die Defizite schauen und mich unterschätzen: Ich arbeite seit über 15 Jahren selbstständig in meinem Beruf als Masseur und besuche fortlaufend Aus- und Weiterbildungen. Ungerechtigkeit und Rücksichtslosigkeit mir gegenüber, aber auch gegenüber anderen, die in der Gesellschaft als schwächer angeschaut werden, ärgern mich ungemein.

«Ich will glücklich sein. Mit meinen Voraussetzungen habe ich mich längst versöhnt.»

Glücklich bin ich in vielen Momenten. Es ist eine Form der Zufriedenheit, wenn ich weiss und schätze, was ich in meinem Leben bereits alles geschafft habe. Ziele vor Augen zu haben und sie zu erreichen, ist der Weg durchs Leben. Durch die Behinderung führe ich ein körperliches, bewusstes und spirituelles Leben. Mein Gesundheitszustand ist dabei ein wesentlicher Faktor. Damit meine ich, ausgeglichen zu leben und auf sich zu schauen, auch geistig und mental.

Gerade diese Ausgeglichenheit, die Balance ist immer wieder eine Herausforderung für mich: Häufig nehme ich mir zu viel vor und es fällt mir schwer, all die Vorhaben körperlich umzusetzen. Wenn ich es doch schaffe, geniesse ich den Erfolg um so mehr. Dieses Ungleichgewicht ist für mich eine herausfordernde, unsichtbare Barriere in meinem Alltag.

«Reden in grossen Gruppen vermeide ich. Lieber lege ich Musik auf.»

Dass ich eine Behinderung habe, spüre ich am meisten, wenn ich mit mehreren Menschen spreche. Zum Beispiel bei einem Abendessen mit mehr als fünf Personen, im Ausgang oder wenn ich DJ bin. Vor allem, wenn Menschen dabei sein, die mich nicht kennen, kann ich mich nur schwer mitteilen. In meiner Freizeit bin ich DJ und drücke mich anstelle der Worte lieber mit Musik aus. Mit Musik fühle ich mich nicht behindert. Aber wenn ich nicht auflege, rede ich auch nicht viel, obwohl Menschen mit mir sprechen wollen. Das ist für mich und für das Gegenüber schwierig und fordert Konzentration auf beiden Seiten. Denn ich rede dann nicht flüssig, sondern langsam und undeutlich. Vor allem das Tempo hemmt und Gespräche werden beendet. In solchen Situationen fühle ich mich durch meine Behinderung behindert, dann schränkt mich der Austausch mit Menschen ein.

«Jeder Mensch hat Stärken. Sie müssen von Fall zu Fall so eingesetzt werden, dass alle Beteiligten davon profitieren können.»

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