Peter, 63 Jahre

«Aus einer Krise schaffst du es nicht alleine. Aber nur du schaffst es.»

Das Gefühl, dass ich anders bin, begleitet mich schon immer. Aber ich wollte die (wie ich heute weiss) Depression nicht an mich heranlassen. So wie ich auch andere nicht an mich herangelassen habe. Ich habe immer alles alleine gemacht. Heute weiss ich, dass man andere braucht, um aus einer Krise herauszukommen. Dafür muss ich mich öffnen. Das habe ich in den letzten Jahren gelernt.

Es hat lange gebraucht, bis ich meine Kollegen habe sagen hören «Jetzt ist er wieder da!». Bis ich selbst das Gefühl hatte auch. Mit kurzen Unterbrechungen verbrachte ich über ein Jahr lang stationär in Kliniken, danach noch über ein weiteres Jahr in einer Tagesklinik. Nach dieser Zeit ging es langsam wieder aufwärts. Das merkte das Umfeld, zumindest das, was davon noch übrig geblieben ist: Arbeit weg, Beziehung beendet und damit kein Zuhause mehr, Freunde, die sich abwenden. Und jetzt?

Das Leben vor dem Zusammenbruch war gekennzeichnet durch Reisen in der Jugend, dann durchs Sesshaftwerden mit Beruf in leitender Funktion, durch die Gründung einer Familie, Hobbies und angesehenen Engagements in Vereinen und Politik. Es war zu viel an ausserfamiliärem Engagement, das weiss ich heute: Mehr Bürde als Würde ist einer der Auslöser meines Zusammenbruchs. Zu viel bei der Arbeit und zu viel bei vielem anderen mehr. Heute ist mir klar, dass der Umgang mit mir für mein Umfeld schwierig war: mein Zurückziehen, das Abschotten und Zumauern, das Gereizt- und Dünnhäutig-Sein. Damals hatte ich all das nicht gemerkt.

«Kartoffeln gehen die Augen auch erst auf, wenn sie im Dreck liegen.»

Vieles ist jetzt wieder möglich, vor allem wenn ich meine Grenzen berücksichtige und auf die Signale meines Körpers höre. Ich habe einfach keine Ausdauer mehr und bin weniger belastbar. Das zu akzeptieren, musste ich lernen. Dazu gehört, einen Tag wie auch die kommenden Tage sorgfältig zu strukturieren. Ohne Struktur funktioniere ich nicht. Krisen kommen jetzt aber seltener.

Mein Leben heute beschreibe ich als Patchwork-Leben. Es sind mehrere kleine Patches, wie z. B. kurze Einsätze als Abwart oder als Beleuchter in einem Theater, das von Menschen mit Behinderung gemacht wird. Keine ausdauernden Aufgaben oder solche, bei denen ich mich lange konzentrieren müsste. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, Vollzeit zu arbeiten, auch wenn das viele nicht verstehen. Immer wieder begegnen mir Vorurteile, ich sei ein Simulant. Dann habe ich das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen
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«Mein Traum: Endlich mal wieder 7 Stunden am Stück schlafen.»

So wie alles gekommen ist, habe ich es mir wirklich nicht ausgewählt. Vor allem die Erkrankung als solche. Aber ich mache das Beste aus meiner Situation und darauf bin ich stolz. Ich habe auch viel verloren auf diesem Weg. Was mir geholfen hat? Einerseits die Rückzugsmöglichkeit in meinen Wohnwagen im Jura, der eher zufällig in mein Leben gestossen ist, und andererseits Menschen, die an mich glauben und mir den Brückenschlag zurück ins Leben möglich machen. Im Laufe der Zeit konnte ich Schritt für Schritt meine Augen öffnen für Neues. Zum Beispiel für die Einsicht, dass ich meinen Alltag und mein Leben ganz klar strukturieren muss, damit ich so zufrieden und dankbar sein kann, wie ich es heute tatsächlich wieder bin.