Martin, 45 Jahre

«davonlaufen.können. – Unterwegs in Dimensionen, daheim mit mir.»

Davonlaufen wird krass negativ bewertet. Für mich ist es viel mehr eine Fähigkeit. In meiner Welt finde ich mich zurecht, ich bin Experte für mich selbst und für meine Gesundheit. Mein wichtigstes Projekt ist es, dass ich gesund bin und bleibe.

Wenn ich höre, was für Wörter kursieren: Schizo oder › ‹Psycho. Alle haben das Ziel, Menschen wie mich abzuwerten. Vor kurzem habe ich eines der schwierigsten Vorurteile gehört. Bei einer Tagung hat mir ein Referent aus dem Pharma-Bereich gesagt: «Ihre Krankheit ist nicht heilbar.» Das trifft mich am meisten, denn das heisst ja, mit einer Diagnose leben zu müssen, mit der mein Leben als lebensunwert eingestuft wird, mit der ich es zu nichts bringe. Bin ich ein Versager? Wer gibt Menschen das Recht, so über mich zu urteilen?

«Meine grösste Hürde bin ich selbst.»

Ich soll nach Möglichkeit Stress vermeiden, mich nicht überfordern und keine Drogen konsumieren. Setz ich das nicht um, kann es zum Verlust meiner Persönlichkeit führen. Schizoaffektive Störung oder Psychose heisst die Diagnose – was es bedeutet, habe ich erst verstanden, als ich die erste Psychose selbst durchlebt habe. Das war im Jahr 2000. Psychische Erkrankungen haben Tradition in unserer Familie, beim Vater und beim Grossvater. Ich habe mich damals selbst in die Psychiatrie eingeliefert: «Scheisse, jetzt hab ich das Gleiche wie der Vater» hab ich gedacht. Damals hab ich noch nicht annähernd erahnt, was alles auf mich zukommt. Bis heute sind es fünf Psychosen.

Aus jeder Psychose habe ich einige wahnhafte Erinnerungen mitgenommen. Psychotische Momente verdrängen die Realität – unglaublich intensiv. Diese unvorstellbare Liebe, die Todesangst, all das kann man nur in einer Psychose erleben. In meinen Psychosen bearbeite ich das Erlösen der Welt vom Bösen. Das ist mir auch gelungen und seitdem überprüfe ich, ob es mir tatsächlich gelungen ist. An das Schwierige kann ich mich erinnern, z. B. an die drei Polizeizugriffe. Oder die Erinnerung an ein wichtiges Telefonat mit dem Vater. «Hast du Arbeit?» fragte er. Diese drei Wörter wurden mit Wahnhaftigkeit derart überhöht, dass ich jahrelang als Workoholic getrieben war und mein Unvermögen durch Arbeit kompensieren musste.

«Hast du Arbeit?»

Mein Vater war schon in meiner Jugend mein Ideal. In allen Psychosen habe ich Bezug auf ihn genommen, ihn fast schon als göttliche Instanz überhöht. Vor ein paar Jahren ist er gestorben und viele Gedanken haben sich etwas entspannt. Ich setze mich nun nicht immer in Vergleich zu ihm als Vorbild. Gleichgültigkeit verbinde ich mit meinem Vater – Gleichgültigkeit ärgert mich auch heute. Ich will, dass man Menschen nicht gleichgültig gegenüber ist, schon gar nicht mit einer psychischen Erkrankung. Ich will, dass man das Unsichtbare sichtbar macht und dass das Thema ein Ge-Sicht bekommt.

Zur Zeit suche ich Arbeit. Von meiner beruflichen Tätigkeit kann ich nicht leben. Das will ich ändern. Meine Behinderung erwähne ich in einer Bewerbung nicht. Sie ist ja unsichtbar und ich kann sie gut verstecken. Wenn ich eine Stelle nicht bekomme, dann ist es wohl nicht der richtige Betrieb für mich. Schliesslich muss man mit meiner Person als Ganzes umgehen können.

«Wenn alles zu viel ist, laufe ich davon.»

Manchmal strömen zu viele Reize auf mich ein. Dann muss ich davonlaufen können. Die Balance zwischen Über- und Unterforderung ist immer Thema. Dann ziehe ich mich zurück, fern von jeglichen Einflüssen von aussen. Die Auseinandersetzung mit meiner Erkrankung ist gegenwärtig: Nebenwirkungen der Medikamente, Gespräche mit dem Psychiater, Blutkontrollen, Diskussionen über Erwartungen, die mein privates Umfeld an mich stellt. Durch meine Erkrankung bin ich aber auch in Kontakt gekommen mit anderen Betroffenen. Das ist eine ganz neue Qualität an Gesprächen, die ich bislang nicht kennengelernt habe. Ausserdem habe ich mich erheblich weiterentwickelt, wenn ich mich mit anderen, die Krisen nicht kennen, vergleiche.

«Für Menschen, die es nicht kennen, ist es schwer vorstellbar: Aber von den Krisen habe ich erheblich profitiert. Ich bin mir sicher, dass ich stabiler bin als manch anderer.»

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