Kari, 65 Jahre

«Mit beiden Beinen im Leben stehen – nach dem Unfall mehr denn je.»

Mit ‹unsichtbar› wird menschliches Leben sichtbar. So auch mein Lebensweg. Ich habe gelernt, ihn anzunehmen, denn vieles kam anders als irgendwann einmal geplant. Menschen, die mich motiviert und provoziert haben, sind bis heute an meiner Seite. Heute bin ich derjenige, der andere motiviert und provoziert. Denn für mich gibt es nichts, wofür ich mich nicht interessiere. Falls doch, interessiere ich mich dafür, warum ich mich nicht dafür interessiere. Das Leben ist so vielfältig, man darf einfach nicht wegschauen. Und ich lerne mit und von Menschen. Seit Jahren arbeite ich als Coach und Fachmann für die (Wieder-)Eingliederung von Menschen in die Berufswelt. Viele davon kennen einen ähnlichen Weg wie meinen.


Bis zum Unfall war ich ein Mensch, der mit seinen Top-Ressourcen – vor allem im Sport – den Weg des geringsten Widerstands gegangen ist. Ich habe erfolgreich in der Handball Nationalliga A gespielt. Heute engagiere ich mich im Behindertenbereich. Das hat mir über die Jahre eine grosse geistige Entwicklung ermöglicht, eine Form von innerer Sicherheit, die ich als Fussgänger auf zwei Beinen sicherlich nie erfahren hätte.

Verlust und Gewinn haben sich schon lange ausgeglichen.

«45 entscheidende Minuten in meinem Leben.»

Heute bin ich Paraplegiker, d. h. ich habe eine Querschnittlähmung, und bin im Rollstuhl. Der Autounfall passierte vor etwa 40 Jahren. Bereits in den ersten Sekunden war mir bewusst, dass meine Beine nicht mehr bewegbar sein werden. Mein gesamtes restliches Leben hat sich von einem auf den anderen Moment komplett verändert. 45 Minuten vergingen, bis Hilfe zum Unfallort kam. Die prägendste Zeit. Denn ich habe mich in diesen Minuten dafür entschieden, dieses Leben, mit allem, was kommt, zu leben.


Dieses Leben, das mich vor ganz andere Herausforderungen stellt. Die Welt entwickelt sich nicht nach meinen Vorstellungen. Trotzdem bin ich ein optimistischer Pessimist, einer, der sich seine positiven Gedanken bewahren möchte. Dass es Hürden gibt, ist nicht von der Hand zu weisen: Für mich ist das die entwicklungsbedingte Verengung des Raums. In meinem Rollstuhl bin ich auf viel mehr Platz angewiesen als ein Fussgänger, z. B. in einem überfüllten Zug, in dem mein Rollstuhl mehrere Plätze wegnimmt, oder der grössere Parkplatz, den ich brauche, um überhaupt aussteigen zu können. Die Fläche bleibt immer gleich gross, aber sie wird von immer mehr Menschen beansprucht. Das behindert mich, denn es schränkt meine Mobilität ein. Auch in den Städten ist kein Platz und rollstuhlgängige Wohnungen dort sind viel zu teuer.

«Ich hab schlichtweg keinen Platz mehr.»

Werde ich unsichtbar, weil ich keinen Platz mehr habe, weil andere den Platz für sich beanspruchen? Die Mobilitätsfrage steht für mich im Zentrum. Die Entwicklung, die ich persönlich in den letzten 40 Jahren machen konnte, war begünstigt durch den Aufschwung, den die Mobilität für alle Rollstuhlfahrer genommen hat. Doch langsam bricht das wieder zusammen. Ausserdem werden technologische Neuerungen nicht im vollen Umfang genutzt: Menschen mit Behinderung sollten so ausgerüstet werden, dass sie mit einer App jederzeit sehen können, wie ein Parkplatz oder eine rollstuhlgängige Toilette zu finden oder ob ein Hotel barrierefrei ist. Das wäre ein positiver, wichtiger Schritt.

«Ein Behinderter ist ein Individuum, das eine Behinderung hat.»

Eine Person mit Behinderung muss ihre Identität behalten: Ein Behinderter ist nicht ein Behinderter, sondern ein Individuum, das eine Behinderung hat. So wie ein A...loch auch im Rollstuhl ein A...loch bleibt. Oder anders gesagt: Es gibt auch ganz flotte Typen im Rollstuhl, aber die waren eben als Fussgänger auch schon flott.

Steckt man Rollstuhlfahrer per se in eine Schublade, sind Vorurteile vorprogrammiert. Bisher bin ich keinen Vorurteilen, die genau an mich gerichtet sind, begegnet. Mein Glück ist, dass ich gross und kräftig bin. In meinem persönlichen Umfeld hat mein Handicap zunehmend keine Bedeutung mehr. Aber ich weiss von anderen, dass sichtbare Behinderungen sehr schnell auf ein absolut oberflächliches Urteil reduziert werden. Rollstuhlfahrer werden dann als geistig behindert eingeschätzt, ohne jemals ein Wort gewechselt zu haben.

«Der Mensch ist leider nur entwicklungsfähig. Er ist nicht lernfähig.»

Meine Pensionierung hat einiges an Überlegungen ausgelöst. Vor allem ist mir bewusst geworden, dass einzig zählt, ob ich einen guten Tag habe. Die Wertschätzung meiner Person, die ich trotz meinem Lebensalter noch immer erfahren darf, stärkt mich sehr beim Verarbeiten von all den Vorstellung rund ums Altwerden.


Es zählt die innere Zufriedenheit, die mein Leben erfüllt. Auf zwei Füssen oder zwei Rädern.