Doris, 56 Jahre

«Kein Handlauf? Zu gefährlich! Auf Umwegen, mit Pausen, in meinem Tempo, aber immer weiter.»

Wie wichtig es ist, mir und meinem Körper vertrauen zu können, ist mir erst dann bewusst geworden, als ich dieses Vertrauen nicht mehr hatte. Seit mehr als 30 Jahren lebe ich mit der Diagnose Multiple Sklerose (MS). Diese entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (Rückenmark und Gehirn) verläuft bei jedem, der daran erkrankt, anders.

Bei mir sind verschiedene Körperfunktionen betroffen und das Gleichgewicht ist physisch wie psychisch oft aus der Balance. Eine Treppe ohne Handlauf ist für mich eine grosse Herausforderung. Sehr oft mache ich Umwege, um sicher ans Ziel zu kommen. Manchmal bin ich auch mutig und kann vertrauen, dass meine Füsse und die Hüfte nicht kippen, dass ich Schritt für Schritt laufen kann. Aber ich weiss nicht im Voraus, ob und wann das der Fall ist. Deshalb ist es für mich wesentlich, Sicherheit zu haben und Sicherheit zu lernen. Wenn man alleine ist, spielt das eine grosse Rolle.

«Für einen Tag lang würde ich gerne einmal in der Haut eines Piloten in einem grossen Linienpassagierflugzeug stecken. Menschen sicher ans Ziel zu bringen und dann, wenn man sicher gelandet ist, das Gefühl zu haben, dass man daran teilhat und dass man dazugehört. Das finde ich mega.»

Ich habe die unerschütterliche Hoffnung, dass Unmögliches geschieht. MS als Krankheit der 1000 Gesichter sei unheilbar, sagt man. Für mich ist das ein Vorurteil. Denn wer weiss schon, was in 10 Jahren ist. Die Behandlung ist schliesslich sehr individuell. Im Grunde bin ich meinem Schicksal dankbar, denn nur so war es mir möglich, ganz vieles zu erfahren: Tiefste Tiefen, bei denen man den Boden unter den Füssen verliert, aber auch Hilfe von Menschen zu bekommen, von denen ich es nie erwartet hätte.

Viele meiner Herausforderungen sind unsichtbar. Müdigkeit, Schwäche, Sensibilitäts- und Konzentrationsstörungen. Es strengt mich an, dass ich im Alltag immer wieder herausgefordert werde, dass ich, wenn etwas nicht klappt, erst wütend und dann traurig werde. Ich kann beim Telefonieren nach spätestens 10 Minuten den Hörer nicht mehr halten, Gespräche sind dann einfach fertig, auch wenn es noch viel zu sagen gäbe. Ich schlafe immer wieder ein und kann so keinen Film durchgehend schauen, auch wenn er mich noch so sehr interessiert. Duschen, Essen, der Toilettengang – alles ermüdet mich unglaublich.

«Manchmal bin ich unsichtbar.»

Vor allem dann, wenn ich nicht aus dem Haus gehe, wenn mich niemand sieht. Das viele Schlafen nimmt mir viel meiner Lebenszeit. Und das häufige Alleinsein ist eine grosse Herausforderung. So wertvoll Begegnungen und Gespräche für mich sind, sie strengen mich unvorstellbar an: Oft kann ich Gesprächen nicht folgen, Gedanken nicht halten, Sätze nicht zu Ende bringen. Dann bin ich wieder allein und hab so wenig Kraft, dass ich mit der Oberflächlichkeit mancher Menschen nicht umgehen kann. Mich ärgern all diese falschen Versprechungen und Floskeln wie «Wir sehen uns dann und dann» oder «Wir bleiben verbunden» … das mag ich gar nicht. Überraschungen oder Spontaneität, Anforderungen, die das Umfeld an mich stellt – das geht einfach gar nicht mehr.

In Gesellschaft zeige ich manchmal gerne meine aufgestellte Seite. Dann wird es schwierig für Menschen, die mich nicht kennen, mich einzuschätzen. Ich spüre die Blicke, die einen schmerzlich treffen: Ist sie faul? Oder ist das so eine, die sich das Leben als Rentnerin komfortabel macht? Eines ist sicher: Ich hätte es wirklich gerne anders.

«Ich möchte mir meine Gehfähigkeit bewahren. Dass ich immer noch gehen kann, darüber freue ich mich.»

Den Traum, dass ich einmal ganz gesund und im Beruf erfolgreich werde, gebe ich nicht auf. Ich schaff das. Dank meiner Behinderung habe ich meinen Wunschberuf gefunden: Ich arbeite als Autorin und Lehrerin für Deutsch für Fremdsprachige. Erst durch all meine Einschränkungen bin ich darauf gekommen, was ich mit meinen wenigen Kräften überhaupt noch kann. Den Blick darauf zu richten, was alles möglich ist, das wünsche ich auch Arbeitgebenden: Sie sollten mit den Augen des Herzen sehen. Dazu kann man grundsätzlich niemanden schulen.

Auf meinem Weg, mit MS ein gutes Leben zu leben, habe ich viel ausprobiert. Von der Schulmedizin über alternative Therapien, wie Ayurveda und Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), bin ich auf die Therapie von Dr. Hebener gestossen. Ausserdem ernähre ich mich gesund und trinke jeden Morgen einen Liter Wasser, bevor ich sonst irgendetwas zu mir nehme. Diesen Weg gehe ich weiter.

Es gibt wohl Zeiten im Leben, wo man jegliche Form von Hilfe, die sich einem anbietet, ergreifen soll. In meinem Gottesverständnis kann das von allen Seiten möglich sein. Dadurch entsteht ein Lernprozess, der vielleicht zum Gesundwerden dazugehört. Was ich mir wünsche? Mit meinem Herzenspartner den Frühling geniessen zu dürfen, glücklich zu sein, so glücklich, wie mich Farben, Bilder, Töne oder Harmonien mit Fröhlichkeit durchdringen können – und Begegnungen, all das macht mein Leben reich.